Sonntag, 3. Juli 2011

Preview zur Artikelserie über die Chronologiekritik: Heinsohns dubiose Aussagen

     Ich plane im Moment eine Serie aus mehreren Artikeln zur Chronologiekritik von Gunnar Heinsohn, Heribert Illig und Hans-Ulrich Niemitz. Ich kam darauf durch die Lektüre von Gunnar Heinsohns und Otto Steigers "Eigentum, Zins und Geld"(Metropolis Verlag, 4. Auflage, 2006) [Ab hier abgekürzt: "EZG"]. Auch wenn ich einige Argumente von Niemitz (zusammen mit Christian Blöss) zur Problematik der 14C-Datierung durchaus verstehe und akzeptiere, sehe ich die Kritik mittlerweile als nicht mehr haltbar an. Über die 14C-Datierung werde ich sehr ausführlich berichten und möchte hier nur mal auf eine Stelle in "Eigentum, Zins und Geld" eingehen. Was die Kritik an der Ökonomie angeht, so stimme ich diesem Buch in weiten Teilen zu. Bei ein paar Punkten sehe ich das zwar etwas anders (so bin ich etwa gegenüber der "Eigentumsprämie" ähnlich kritisch wie Stadermann und Steiger in "Allgemeine Theorie der Wirtschaft: Band 1: Schulökonomik" (Mohr Siebeck; 2. unveränderte Auflage: 2006)), aber ich kann "EZG" in Hinblick auf die ökonomischen Aussagen dennoch wärmsten empfehlen. Die näherer Betrachtung der darin enthaltenen Chronologiekritik, lässt diese dafür aber sehr dubios erscheinen...

     Neben dem sehr guten Versuch Geld aus Eigentum abzuleiten, findet sich in "EZG" gleich noch der Versuch die Eigentumsentstehung aus einem Katastrophismus abzuleiten. Hierzu meint Heinsohn etwa, dass die Zeit zwischen "Mykenischem Feudalismus" und der Polisentstehung im "archaischen Griechenland" nicht existiert und die "dunklen Jahrhunderte" nur eine Spekultion sei, die auf falschen Daten der ägyptischen Chronologie beruhen sollen:
"Statt des «Dunklen Zeitalters» haben wir einen bronzezeitlichen Feudalismus, der als Antwort auf die Katastrophen am Ende der Jungsteinzeit entsteht und in einer letzten Katastrophe weitgehend untergeht, nach der unmittelbar die polis beginnt. Die archäologische Stratigraphie spricht nicht anders als die antiken Historiker gegen eine Lücke zwischen mykenischem Feudalismus und privateigentumsbestimmter polis. In Fundstätten, die beide Epochen gemeinsam aufweisen, liegen sie ohne intermittierende Wehschicht, die für leere Jahrhunderte erwartet würde, direkt übereinander. In Iolkos kann man die katastrophische Verbrennung der mykenischen Schicht direkt unter derjenigen der polis besonders gut erkennen." (Quelle: "EZG" S.115)
Als Quelle für den letzten Satz wird dort "L. Cottrell, Realms of Gold: A Journey in Search of the Mycenaens, Greenwich/CT: New York Graphic Society, 1963, S. 249 f." angegeben [Ab hier abgekürzt: "Cottrell"; Volltext bei archiv.org verfügbar ]. Nun habe ich mir die Mühe gemacht diese Quelle zu überprüfen. Dort liest man:
" "What you see before you," said the ephor, "is unique in Greece. Usually ancient Greek cities were built on rock or very thin soil, so that every time rebuilding took place, the foundations were cleared; there was little or no accumulation of debris from the older cities, which is so valuable for dating purposes. But here, at Iolcus, it was not so. Each city was rebuilt on the of foundations of its predecessors, so that a mound was formed, like a Mesopotamian tell." He pointed upwards to the top of the mound., then swung his arm slowly downward, following the successive layers. "At the top, just under the modern buildings, Hellenistic remains fourth century. Then, through Classical, Archaic, Geometric, proto-Geometric, down to Mycenaean and beyond. We've got down as far as Early Helladic, and there may well be neolithic below that. This, as I said, is unique in Greece; the trouble is that we can't dig into the mound until we've demolished all those houses on the top. And that means compensation for the owners, of course, and we have to find them other accommodations. And that takes time and money." " (Quelle: "Cottrell", S. 249f.; fett von mir; link)
Sowie:
" "What do you think that is?"
"Fire?"
He nodded, stooped down, picked up a handful of something, and placed it in my hand. It was a piece of black substance which crumbled between my fingers; damp charred wood. "Date?" I asked, suspecting what was coming. "As you would expect; Late Helladic IIIB, round about twelve hundred. This was the Mycenaean palace, built partly of timber, like all the others." " (Quelle: ebd., S. 251; link)
Dass dort eine Schichtfolge fehlen würde, steht dort nicht. Im Gegenteil, dort ist die Rede von der Geometrischen und Protogeometrischen Schicht die zwischen der "archaischen" (Entstehung der polis ) und der späthelladischen Schicht ("mykenischer Feudalismus") zu finden sind. Diese Perioden fallen aber exakt in die Zeit der "Dunklen Jahrhunderte". Eine derartige Quelle, als "stratigraphische Evidenz" für eine fehlerhafte Chronologie anzuführen, ist äußerst fragwürdig. Recherchiert man darüber hinaus noch mehr Details zu der Ausgrabung in "Volos" beim "Kastra," so wird das Ganze noch fragwürdiger:
"Recent excavations were unable to locate further traces of the building designated a "palace" by Theocharis. Various architectural phases were represented in the deposits, dated by pottery of LH IIB-LH IIIB2 styles. Finally, despite several instances of burnt and ashy layers, no destruction horizon has been identified in any LBA phase or between the LBA and Protogeometric levels." (Quelle: Stelios Andreou et al. - Review of Aegean Prehistory V: The Neolithic and Bronze Age of Northern Greece, American Journal of Archaeology, Vol. 100, No. 3 (Jul., 1996), S. 549; fett von mir; link)
Und weiter heißt es dort:
"Finally, in recent years the identification of the settlement at Kastro/Palia with Homeric Iolkos has been questioned on archaeological, literary, and topographical grounds. The incentive was undoubtedly the discovery of the extensive LBA settlement at Dimini." (Quelle: ebd. S. 550; fett von mir; link)
Auch konnte man die Zerstörung von Bränden die Theocharis (der Archäologe aus dem Buch von Cottrell) in der benachbarten Siedlung Pefkakia nicht bestätigen:
"Analysis of the architecture suggests a break between the Early and Middle Bronze Ages but there was no evidence of the burnt destruction level which Theocharis found when he excavated at Pefkakia in 1957" (Quelle: Christopher Mee (1994). Review of Joseph Mar Maran 'Die deutschen Ausgrabungen auf der Pevkakia-Magula in Thessalien, III' The Classical Review (New Series), Vol. 44, S. 374; fett von mir; link)
Also keine fehlenden Schichten, keine Zerstörung durch Brände und die Siedlung auf die Heinsohn sich bezieht ist wohl noch nicht mal Iolkos.
   Nun ist das natürlich nur ein einzelnen Beispiel, aber sollte sich eine derartige Arbeitsweise als repräsentativ erweisen, ist mir klar, warum die Chronologiekritik von der Wissenschaft kaum beachtet wird. Also zumindest die oben zitierte Aussage ist ein Witz.

Mehr dazu bald in der Serie.

Kommentare:

  1. Hi, hast Du Deine Kritik der Heinsohn'schen Chronologiekritik schon fertig?

    Beim Geld kann man Heinsohn ja schnell das Handwerk legen: wer nicht kapiert, daß Eigentum als nominell variabler Vermögenswert in Abhängigkeit von Gewinnerwartungen in Geld bewertet wird, hat den Kern der Geldwirtschaft nicht kapiert und fantasiert dann herum über "Beleihungsgrenzen", "Eigentum, das der Geldemission die Grenze liefert" etc.

    Heinsohns Geldtheorie ist daher v.a. eines: unbrauchbar, und eine Theorie der Geldwirtschaft hat er gar nicht. Kein Wunder, daß er damit bei vulgärliberalen Parolen endet und die Monetärkeynesianer ihn als Neoklassiker und alten Hut jenseits jeglicher "wissenschaftlicher Revolution" (die er selbst für sich beansprucht) bezeichnen.

    Eigentumsökonomik ist eine Chimäre, es geht um Nominalökonomik (Stadermann).

    Sein Gefasel von "wissenschaftlicher Revolution", "erster Wirtschaftstheorie" usw. sind daher blanker Unsinn - wishful thinking und bloße Salespropaganda.

    Mich würde nun nicht wundern, wenn Heinsohn auch bei der Chronologie die zentralen Zusammenhänge nicht kapiert hätte, und Deine obigen Aussagen deuten ja darauf hin, daß dem so ist. Ich kenne mich da aber nicht aus.

    Zu welchen Ergebnissen kommst Du denn da mittlerweile?

    Gruß
    moneymind

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  2. Hey moneymind,

    dass Stadermann/Steiger die bessere Theorie liefern, seh ich auch so, aber ich denke du solltest nicht vergessen, dass H/S hierzu das Grundgerüst liefern. Ohne das Augenmerk auf das Eigentum durch H/S, würde es S/S Nominalökonomie wohl nicht geben. Was mich hier schlicht wundert, ist dass Heinsohn den Schritt den Stadermann/Steiger gegangen sind, nicht mitgegangen ist.

    Was nun die Chronologiekritik angeht, so hab ich daran nicht weitergearbeitet. Der Grund ist, dass ich darin schlicht keinen Erkenntnisgewinn sehe (Einen Wissensgewinn ja, aber keine Erkenntnis). Die mögliche Erkenntnis wäre, dass die Wissenschaft schlampig arbeitet und sich nicht an die eigenen Prämissen der Wissenschaftstheorie hält. Das wäre aber keine neue Erkenntnis für mich. Sollten die Wissenschaftler wiederum die Mangelhaftigkeit ihrer Arbeit bemerkt und durch Verfahren wie U/Th ihre Ergebnisse verbessert haben, so würde mich auch das nicht überrauschen. Die Arbeitsweise der Wissenschaft beschreibt nun mal Feyerabend mit "anything goes" am zutreffendsten.

    Weiterhin wäre eine geänderte Chronologie selbst auch erkenntnislos und würde allerhöchstens zu einer inhaltsleeren Geschichstmetaphysik, die sich außschließlich an der Form (zeitlicher Ablauf) orientiert, führen. Diese wäre so oder so wertlos. Für eine Metaphysik der Geschichte ist die Selbstreflexion/Selbstwahrnehmung einer Epoche von Bedeutung und dafür wären jene Epochen, die in Frage stehen sowieso nicht geeignet.

    Grüße
    melethron

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    1. Mh, verstehe. Deswegen hat mich die Chronologiefrage auch nicht näher interessiert. Was mich interessiert hätte, wäre, ob Du Heinsohn da grobe Fehler nachweisen konntest.

      Kam eigentlich das Gespräch mit Blöss zustande?

      Was Stadermann/Steiger angeht, finde ich, daß Nominalökonomik direkt zur saldenmechanischen Perspektive (Stützel) führt - eine Perspektive, aus der ich gerade wichtige Einsichten gewinne und von der bei H/S nicht die geringste Spur zu finden ist (wir hatten das anhand der "Rationalitätenfalle" schon mal kurz am Wickel). Weswegen Heinsohn oft in vulgärliberale Ansichten abgleitet.

      http://www.dasgelbeforum.de.org/forum_entry.php?id=242598

      H/S haben gar keine gesamtwirtschaftliche Theorie, weswegen von irgendeiner "Grundlegung der Wirtschaftswissenschaft" auch keine Rede sein kann. Da hat Riese völlig recht mit seiner Kritik (in Betz/Roy: "Privateigentum und Geld").

      Hab gerade Flassbeck: 10 Mythen der Krise gelesen. Er ist Stützel-Schüler, arbeitet aber anscheinend leider nicht an einem schlüssigen theoretischen Modell, sondern interpretiert nur herum. Gibt aber wichtige Denkanstöße aus saldenmechanischer Sicht, u.a. auch in seinem Text "Der Staat als Schuldner - Quadratur des Bösen?"

      http://www.flassbeck.de/pdf/2011/August2011/Der%20Staat%20als%20Schuldner.pdf

      Wichtigster Punkt: Flassbeck zeigt mithilfe Stützel'scher Einsichten, "dass die Defizite des Staates nicht unabhängig von den Finanzierungssalden der übrigen Sektoren der Volkswirtschaft sinnvoll analysiert werden können.".

      Dazu nur ne kurze Frage: gibt es saldenmechanische Einsichten (wie die, daß die Summe aller monetären Guthaben sämtlicher Privaten genau der Summe aller Staatsschulden entspricht) auch schon bei Steuart (mit dem Du Dich besser auskennst als ich)?

      Gruß
      moneymind

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